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Strategien gegen Fanatismus: Inklusion, Reflexion und gelebte Demokratie
Die Polarisierung der Gesellschaft und die Möglichkeiten dagegen anzugehen standen im Zentrum der Konferenz „Das öffentliche Gespräch in der Demokratie“
10.03.2017
Von 7. bis 8. März diskutierten rund 80 ExpertInnen aus Wissenschaft und Politik - darunter auch Staatssekretärin Muna Duzdar - sowie VertreterInnen religiöser und zivilgesellschaftlicher Organisationen über die Ursachen von Fanatismus und Hass und mögliche Gegenstrategien. Wichtigstes Gegenmittel sei der Kampf gegen gesellschaftliche Ausgrenzung; aber auch gelebte Demokratie, beispielsweise in Schulen, sei ein Schutzschild gegen Extremismus, so WissenschafterInnen wie Susanne Heine und Ernst-Dieter Lantermann.

Die Polarisierung der Gesellschaft nimmt zu, das gesellschaftliche Gefüge gerate zunehmend ins Wanken. „Das Zelt, das alle umspannt, bekommt Risse“, sagte die Religionspsychologin Univ.-Prof. em. Dr. Susanne Heine in ihrer Eröffnungsrede im Rahmen der Konferenz „Das öffentliche Gespräch in der Demokratie“, die vom Zentrum für Religion und Globalisierung der Donau-Universität Krems veranstaltet wurde. In Folge ziehen sich die Menschen zunehmend in „getrennte Zelte“ zurück, in denen dann die jeweils eigenen Trauma-Narrative erzählt würden: In einem Zelt erzähle man von den in Köln vergewaltigten Frauen, im anderen von den Demütigungen der Gefangenen in Guantanamo, führte Heine aus.


„Mitte der Gesellschaft von Ängsten getrieben“
Auch der Sozialpsychologe Univ.-Prof. em. Dr. Ernst-Dieter Lantermann sah in seinem Vortrag die Mitte der Gesellschaft als „fragil und von Ängsten getrieben“; beispielsweise waren rund 75 Prozent der befragten Deutschen überzeugt davon, dass sie im Laufe des nächsten Jahres persönlich von Terror betroffen sind. Diese Angst sei ein Nährboden für Fanatismus: Wer sich als ohnmächtig und damit gewissermaßen ausgegrenzt empfindet, wird anfälliger für die vermeintlichen Gewissheiten und Sicherheiten des Fanatismus. „Studien zeigen einen mehrfachen Zusammenhang von Fanatismus und dem Gefühl, gesellschaftlich ausgegrenzt zu sein“, erklärte Lantermann.


Es gehe daher vor allem darum, auf vielen Ebenen gegen Ausgrenzung und prekäre Verhältnisse zu arbeiten. „Die Zivilgesellschaft ist gefordert, die soziale Teilhabe der Menschen zu fördern, die sich ausgeschlossen fühlen“, betonte Lantermann. Auf individueller Ebene schütze ein starkes Selbstvertrauen und Sozialvertrauen – das Fundament dafür wird häufig in den ersten Lebensjahren gelegt – vor Fanatismus, aber auch ein ausgeprägter Wissensdurst sowie die sogenannte Ambiguitätstoleranz und Unsicherheitstoleranz: Die Fähigkeit, auch Widersprüche und Unsicherheiten auszuhalten.

 

Gelebte Demokratie
Zentral sei dabei das Bildungssystem, wobei auch die Vorbildwirkung der Institution Schule nicht zu unterschätzen ist: So haben Studien ergeben, dass SchülerInnen, in deren Schulen Demokratie auch gelebt wird, deutlich widerstandsfähiger gegen Fanatismus und Extremismus sind, unabhängig von ihren sonstigen Hintergründen.


Mit moralischen Argumenten oder Empörung komme man jedenfalls gegen FanatikerInnen nicht an, denn diese würden „anders ticken“, erklärte Lantermann: Sie hätten eine extreme Intoleranz gegen abweichende Meinungen, ein geschlossenes Glaubenssystem mit strikten Polaritäten und verschließen sich abweichenden Argumenten: „Da wird dicht gemacht, da ist die Lügenpresse schuld“. Möglichkeiten bieten der Humor, die Ironie, das Zweifelnde – und auch die Selbstreflexion, welchen Anteil man selbst an der Spirale von Ausgrenzung und Empörung habe.


Einbindung der Basis
Die Konferenz wurde in einer breiten Kooperation mit interreligiösen Initiativen und Organisationen durchgeführt. In insgesamt sechs Workshops wurden unter anderem die Qualitätskriterien interreligiöser Bildung, Schritte gegen Antisemitismus und Islamfeindlichkeit oder Best-Practice-Beispiele lokaler Verständigungsarbeit gemeinsam diskutiert. Als wichtige Elemente für einen gelingenden Dialog zeigten sich neben persönlicher Begegnung und Respekt vor allem die Einbindung der Basis wie auch der etablierten Strukturen. Grundvoraussetzung sei aber, so die TeilnehmerInnen, ein sicherer Rahmen und das Vertrauen, schwierige Themen – etwa den Nahostkonflikt – ansprechen zu können, ohne die Gegenseite von der eigenen Meinung zu überzeugen. Im Rahmen eines Workshops, an dem Mag. Muna Duzdar, die Staatssekretärin für Diversität, Öffentlichen Dienst und Digitalisierung teilnahm, wurden auch Maßnahmen gegen Hass und Hetze im Internet diskutiert.


 

Veranstaltungsinfos, Bildgalerie und Medienreaktionen: www.donau-uni.ac.at/mig/dialogkonferenz

 

 

Rückfragen

Senad Kusur, MA
Zentrum für Religion und Globalisierung
Department für Migration und Globalisierung
Tel. +43 (0)2732 893-2426
senad.kusur@donau-uni.ac.at
www.donau-uni.ac.at/mig